Biographiearbeit/Erinnerungsarbeit
„Wenn man sein Leben nicht in eine Geschichte verwandelt,
Terry Pratchett
so wird es Teil der Geschichte einer anderen Person.“

„Ich hätte das schon längst mal alles aufschreiben müssen. Aber es ist nie dazu gekommen und jetzt geht es nicht mehr.“
Diesen Satz habe ich in den letzten fünfzehn Jahren mindestens einmal wöchentlich gehört. Die eigene Geschichte- ein wertvoller Schatz, der mit dem Tod verloren gehen oder nur bruchstückhaft in den Erinnerungen der Familie bleiben wird. Dies ist hochaltrigen Menschen durchaus bewusst. Sie haben aber aufgrund körperlicher oder kognitiver Einschränkungen oft nicht mehr die Möglichkeit, ihre Geschichte aufzuschreiben.
Aber erzählen können Sie noch. Und so habe ich vor etlichen Jahren angefangen, mir die Geschichten erzählen zu lassen und sie aufzuschreiben. Mittlerweile sind es um die achtzig Lebensgeschichten. Mitunter handelt es sich um wenige Seiten mit einzelnen Erinnerungssequenzen, mitunter um 30 Seiten und den Versuch, ein ganzes Leben festzuhalten.
„Erinnerungen bilden keinen großen Fluss, sondern sind vielmehr wie verstreute große und kleine Pfützen nach einem Starkregen. Schafft man es, mit einem Stock eine Furche zu einer benachbarten Pfütze in die feuchte Erde zu ziehen, verbindet sich der Inhalt der einen mit der anderen zu einer starken Erinnerung. Die meisten Pfützen bleiben aber isoliert.“
Paul Maar
„Nur eines gibt es, was mir am Leben nicht gefällt: Man wird zu schnell alt.“
Franz T., 82 Jahre
Die Biographie-und Erinnerungsarbeit hat große Schnittmengen zur Würdezentrierten Therapie, zieht sich aber in der Regel über einen längeren Zeitraum hin und bildet mehr Lebensinhalt bzw. viele unterschiedliche Aspekte des Lebens ab. Auch hier entscheidet der Erzähler natürlich selbst, was er berichten will und wer der oder die Empfänger sind. Oft hilft das Erzählen, um mit bestimmten Erinnerungen abzuschließen, seinen Frieden zu machen. Durch das Wissen, Erlebnisse sind nun auf dem Papier festgehalten und für die Nachwelt lesbar, kann ein Loslassen leichter werden.
„Nachdem ich von all den schlimmen Kriegserlebnissen erzählt habe, habe ich drei Nächte kaum geschlafen. Aber seitdem schlafe ich nun so gut wie seit Langem nicht mehr. Jetzt ist alles aufgeschrieben und mein Enkel kann es eines Tages lesen.“
Magdalena K., 94 Jahre
Auch für die Biographiegespräche ist natürlich ein Vertrauensverhältnis sowie eine wertschätzende, authentische Grundhaltung des Therapeuten und Verfassers der Geschichte wichtig.

Für die Biographiearbeit mit Menschen mit Demenz habe ich ein eigenes Konzept entwickelt, das dazu verhilft, auch ihre Geschichten lesbar und erlebbar zu machen. Der Rückblick auf den eigenen Lebensweg dient zur Festigung der eigenen Identität. Oft ist das Erinnerungsheft für den Erkrankten selbst bei Fortschreiten der Erkrankung ein Halt, eine Verbindung zur eigenen Vergangenheit. Zudem bietet es dem Personal und auch den Angehörigen wichtige Infos, von denen letztlich der Erzähler auch im schweren Stadium bis hin zum Lebensende profitiert. Es ist mir ein Anliegen, allen bewusst zu machen, dass jedes Leben wertvoll und erzählenswert ist. Zudem wird den Teilnehmern im Laufe der Gespräche klar, dass die jungen Leute heute tatsächlich viel Wissen nicht mehr haben, über das die alte Generation noch verfügt. Gern erklären sie, wie man Flachs hechelt, was ein Peekschlitten ist, worauf es beim Kühehüten ankommt usw.
„Ich hatte noch alles so richtig im Gedächtnis. Das wusste ich ja alles noch so schön! Es ist ein gutes Gefühl, wenn man das so hört und merkt: das stimmt alles.“
Erna V., 96 Jahre
Ausschnitte aus der Biographiearbeit werden, nach Absprache, auch in der Hauszeitung abgedruckt und gern von anderen Bewohnern und Angehörigen gelesen.
„Ich wünsche mir, dass man einander versteht. Dass die anderen die Leute im Heim verstehen und wir die Leute von außerhalb.“
Hildegard T., 95 Jahre
